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Stimmen zum Thema literatische Übersetzung


 


> "Lauschen, Denken, Dienen" - ein Artikel für die NZZ
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> Neuübersetzen — warum und wie? - Christa Schuenke

> Urheber der Weltliteratur - Christa Schuenke

> Leserbrief zum Beitrag Wer sägt am Ast, auf dem er sitzt?

> Rezension zur Übersetzung der Shakespeare-Sonette durch Klaus Reichert

> Leserbrief zur o. g. Rezension

 
       
     
  'A line will take us hours maybe;
Yet if it does not seem a moment's thought,
Our stitching and unstitching has been naught.
Better go down upon your marrow-bones
And scrub a kitchen pavement, or break stones
Like an old pauper, in all kinds of weather;
For to articulate sweet sounds together
Is to work harder than all these…
  "Oft braucht man Stunden für eine Zeile;
Doch wirkt der Vers nicht wie aus dem Augenblick geboren,
Ist all das Sticheln und Wiederauftrennen verloren.
Besser, man kniet sich gleich auf die Knochen,
Scheuert einen Küchenboden oder geht im Steinbruch malochen
Wie diese armen Schweine, egal, ob bei Kälte oder bei Hitze,
Denn bis so ein Gefüge aus Wohlklang wirklich sitzt,
Das ist harte Arbeit …

 

Urheber der Weltliteratur

Christa Schuenke


Der Dichter Yeats wusste, wieviel schöpferische Energie und auch wieviel Zeit es kostet, eine Idee in einen Vers umzusetzen. Niemand wird bestreiten, dass Yeats Urheber war.

Ich bin die Übersetzerin der hier zitierten sowie ca. 2.500 weiterer Verse von Yeats. Ich hatte zwar nicht die Ideen zu all diesen Versen, aber auch ich habe, um daraus deutsche Verse zu machen, oft Stunden für eine Zeile gebraucht, und ja, es war harte Arbeit, bis so ein Gefüge aus Wohlklang wirklich gesessen hat.

Mir jedoch versucht man den Urheberstatus streitig zu machen. Dabei genügt die einfache Logik, um zu verstehen, dass jede literarische Übersetzung ein eigenständiges geistiges Werk ist, jeder literarische Übersetzer mithin, ganz ähnlich wie der Autor, Schöpfer eigenständiger geistiger Werke, also Urheber sein muss.

Aber auch wenn ich keine diffizile Lyrik übersetze, sondern einen Unterhaltungsroman oder einen Band mit Kurzgeschichten, ein Theaterstück, ein natur- oder geisteswissenschaftliches Sachbuch, auch dann bin ich Urheberin, denn Literaturübersetzer sind grundsätzlich Urheber, weil Literaturübersetzungen Werkcharakter haben.

Was ist eigentlich eine literarische Übersetzung? Gewiss keine reine Transkodierung von Wörtern, denn wenn sie das wäre, verfehlte sie ihre Funktion der Transmission und würde, anstatt den Sinn und die formale Gestalt von Texten zu übermitteln, allenfalls das Material ausstellen, mit dem bestimmte sprachliche Äußerungen in einer anderen Sprache, einer anderen Kultur ausgedrückt werden. Also Transformation, wenn nicht gar Transposition, nämlich die komplexe Wiedergabe der inhaltlichen und formalen Vielschichtigkeit eines literarischen Werks in der Zielsprache.
Literarische Werke, gleich welchen Genres, zeichnen sich gegenüber Gebrauchstexten durch stilistische Unschärfen und Ambivalenzen und oft auch durch komplizierte rhythmische oder makrokonxtektuelle Strukturen aus. Darum ist literarisches Übersetzen niemals einfach, egal in welchem literarischen Genre man sich als Übersetzer bewegt.

Kaum dass wir Texte aus verwandten Sprachen übersetzen können, um wieviel schwieriger dann erst solche aus Sprachen, die der unseren fremd und fern sind? Doch Literaturübersetzer müssen keine akademische Qualifikation nachweisen, um erfolgreich Aufträge akquirieren und sie ebenso erfolgreich ausführen zu können. Sie brauchen vielmehr eine ganz spezielle Fähigkeit des Umgangs mit Sprache, die über Sprechen, Schreiben, Lesen, Hören und Verstehen hinausgeht, ein Talent, das nicht jeder hat.

Zwar können nicht wenige Literaturübersetzer durchaus auch einen akademischen Grad vorweisen, doch vieles, was man zum literarischen Übersetzen braucht, lernt man auf keiner Universität, und manches, was man braucht und an den Universitäten lernen kann, lässt sich auch auf anderen Wegen lernen. Zum Beispiel durch Leben und Lesen. Ich habe ein abgeschlossenes Universitätsstudium, aber nicht etwa in Literaturwissenschaft oder Philologie, nein, ich habe nicht die Sprache studiert, aus der ich übersetze. Trotzdem übersetze ich seit beinah dreißig Jahren aus dem Englischen, und nicht nur aus dem britischen oder amerikanischen, sondern auch aus dem irischen, schottischen, indischen und afrikanischen Englisch; auf meiner Publikationsliste stehen über hundert übersetzte Werke, und ich werde seit Jahren immer wieder eingeladen, meine Wissen in Vorträgen, Workshops und Seminaren an künftige Literaturübersetzer weiterzugeben.
Übersetzer sind Sprachkünstler von eigenem Rang, ohne deren Neuerschaffungsarbeit das Werk, ob seichter Schmachtfetzen oder sogenannte Höhenkammliteratur, die Grenze der eigenen Nationalliteratur nicht überschreiten und kein globales Kultur- oder Bildungsgut werden kann. Wir Übersetzer sind Urheber von Übersetzungen, aber wir sind noch viel mehr: Wir sind die Urheber der Weltliteratur.

Christa Schuenke, Übersetzerin unterhaltsamer Literatur, u.a. von Carolyn Haines, Mavis Cheek, Carol Fenton, Helen Dunmore; von Sachbüchern, u.a. von James Edward Young, Frederic V. Gruenfeld; von Werken, die zum Kanon der Weltliteratur zählen, u.a. von William Shakespeare, John Donne, Jonathan Swift, Bernard de Mandeville, John Keats, Herman Melville, Edgar Allan Poe, William Butler Yeats; sowie von anspruchsvollen Werken der Gegenwartsliteratur u.a. von Robert McLiam Wilson, Chang-rae Lee, William Gibson, John Banville, Mark Z. Danielewski.

 

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  Leserbrief zum Beitrag Wer sägt am Ast, auf dem er sitzt? Der Streit zwischen Übersetzern und Verlagen um angemessene Vergütung schwelt weiter - von Friederike Schläfer; Stuttgarter Zeitung, 4. November 2006

Sehr geehrte Frau Schläfer,

Ihren Artikel über den weiterhin schwelenden Konflikt zwischen literarischen Übersetzern und Verlagen habe ich mit Befremden gelesen. Allein die Überschrift assoziiert bereits, dass die Übersetzer, denen sie so viele Verdienste und Tugenden konzedieren, gar keine andere Wahl haben, als sich mit dem status quo zu arrangieren. Einem status quo, den sie - gelinde gesagt - verklärt beschreiben.

Sie machen eine Rechnung auf, in der der Monat 25 Tage hat. Fast jeder normale Arbeitnehmer in diesem Lande hat jedoch zwei freie Tage in der Woche und mindestens 14 Tage Urlaub im Jahr, hinzu kommen Feiertage wie Ostern, Weihnachten, Pfingsten, 1. Mai, 3. Oktober sowie, in einigen Bundesländern, Fronleichnam, Allerheiligen oder der Reformationstag. Die Zahl der Jahresarbeitstage beläuft sich also, wie Sie in allen einschlägigen Statistiken hätten nachlesen können, im Schnitt auf 250, die der Arbeitstage pro Monat auf durchschnittlich 20,8 Tage. Dann beschließen Sie, dass ein Literaturübersetzer bei einem mittelschweren Text, für den er ein Normseitenhonorar von 17,50 € erhält, pro Tag acht Seiten schaffe. Wäre dem so, entspräche das einem monatlichen Umsatz (nicht Gewinn!!!) nicht von 3.500 €, sondern von 2.912 €. Für viele Übersetzer macht solche Differenz die Höhe ihrer monatlichen Miete aus!

Dem ist aber nicht so, denn Sie unterschlagen vornehm, dass literarische Übersetzer als selbständige Betriebskosten haben, z.B. für ihr häusliches Arbeitszimmer, denn einen anderen Arbeitsplatz haben sie nicht, für Bildungsreisen, für die Anschaffung von Büroequipment und -material, für Recherchen, für die Beschaffung neuer Nachschlagewerke, um nur einige zu nennen, die in manchen Jahren einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen verschlingen können. Außerdem gehen natürlich von den Einkünften die Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung ab, und es müßten eigentlich (wozu viele Übersetzer nicht in der Lage sind) Rücklagen für Urlaub (denn als Freiberufler haben Literaturübersetzer kein Urlaubsgeld und auch kein 13. Monatsgehalt, ja noch nicht einmal Krankengeld, jedenfalls nicht bei Krankheiten, die nach sechs Wochen ausgeheilt sind) und Krankheit gebildet werden. All das übergehen Sie galant und greifen statt dessen einen Phantasiebetrag von 3.500 € Monatseinkommen aus der Luft.

Ebenso verkennen Sie, dass nicht alle Texte den gleichen Schwierigkeitsgrad haben. Meine sehr verehrte Kollegin Swetlana Geier übersetzt am Tag gewiss keine sechs druckreifen Seiten. Auch meine nicht minder geschätzte Kollegin Ragni Maria Gschwend wird bei den schwierigen Büchern, die sie übersetzt, nicht auf einen solchen Tagesausstoß kommen, ebenso wenig wie ich, bei meiner kürzlich erschienenen Neuübersetzung von Gullivers Reisen, meiner Übersetzung von John Banvilles derzeit in nahezu allen Feuilletons überaus positiv besprochenen Roman Die See, oder dem überaus komplizierten Roman House of Leaves des amerikanischen Autors Mark Z. Danielewski, an dem ich seit über einem Jahr arbeite und der im Herbst 2007 im Verlag Klett-Cotta erscheinen soll.

Bei Werken dieser Schwierigkeitsgrade liegt das Normseitenhonorar bei 19,50 bis 21 €, die Tagesproduktivität in druckreifen Seiten gerechnet bei maximal 2 Seiten. Das entspräche bei 20,8 Arbeitstagen einem Monatseinkommen von 832 €. Weil davon niemand leben und sein kleines Unternehmen am Laufen halten kann, und weil überdies die Termine, die uns von den Verlagen vorgegeben werden, fast immer sehr eng sind, arbeiten die meisten Übersetzer eben auch nicht monatlich 20,8 Arbeitstage à maximal 8 Stunden, sondern sitzen mindestens sechs, oft auch sieben Tage die Woche mindestens zehn, nicht selten auch zwölf bis vierzehn Stunden am Computer. Mit fatalen Folgen für ihre Wirbelsäule, wie man sich denken kann. Und dass eine so starke Arbeitsbelastung nicht unbedingt familienfreundlich ist, liegt ebenfalls auf der Hand. Viele Übersetzer leben daher als Singles, nicht wenige sind alleinerziehende Mütter oder Väter, und nach wie vor überwiegt deutlich der Anteil weiblicher literarischer Übersetzer.

Da wir gerade beim Rechnen sind: Ich habe vor ein paar Tagen meine Steuererklärung für 2005 abgegeben, aus der ersichtlich ist, dass ich letztes Jahr - trotz absoluter Auslastung durch Übersetzungsaufträge, Lehr- und Vortragstätigkeit und zahlreiche Lesungen - nur ca. 27.000 brutto eingenommen habe. Diese Zahl meint die Einnahmen aus meiner freiberuflichen Tätigkeit als literarische Übersetzerin, nicht etwa den Gewinn, den ich mit meiner Arbeit erzielt habe! Zur Zeit bin ich wegen schwerer Bandscheiben- und Nervenschädigungen krank geschrieben - seit sieben Wochen. Vor einer Woche hat mir meine Krankenkasse die Höhe des Krankengeldes mitgeteilt, das ich nunmehr, nach sechswöchiger Karenz, beziehen werde: 23 Euro pro Tag!

Vor ein paar Monaten habe ich auch meinen Rentenbescheid bekommen. Falls ich noch bis 65 (plus 4 Monate, da ich Jahrgang 1948 bin) durchhalten sollte, was angesichts meiner gesundheitlichen Situation wenig wahrscheinlich ist, würde ich eine monatliche Rente von 580 Euro erhalten, nach dann immerhin 45 Arbeitsjahren, die Ausbildungszeiten werden ja nicht angerechnet, davon 35 Jahre als freiberufliche literarische Übersetzerin.

Immerhin wird mit meinem 64. Geburtstag, also in nur noch sechs Jahren, meine kleine Lebensversicherung fällig, die einzige Rücklage, die ich bilden konnte. Und wenn ich das noch erlebe und vielleicht sogar noch ein wenig weiter arbeiten kann, werde ich es mir dann vielleicht sogar leisten können, in eine Wohnung mit Fahrstuhl umzuziehen, wobei ich mich jetzt schon seelisch und moralisch darauf vorbereite, dass diese Wohnung dann zwar wesentlich weniger Quadratmeter haben dürfte als meine jetzige recht geräumige Zweizimmerwohnung, dafür aber mit Sicherheit erheblich teurer sein wird. Und ich betone noch mal, dass ich, seit ich 1978 angefangen habe zu übersetzen und 1981 freiberuflich geworden bin, keinen einzigen Tag ohne Auftrag war.

Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Beruf über alles und wünsche mir nichts mehr, als dass ich noch lange in der Lage sein werde, ihn auszuüben. Aber mir klingen immer noch einige Sätze aus der Rede im Ohr, die der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hielt, als mir 1997 für meine Neuübersetzung der Sonette von William Shakespeare der des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreises verliehen wurde. "Daß man mit einem der wichtigsten Berufe, die unser Geistesleben kennt, seinen Lebensunterhalt in der Regel nicht bestreiten kann, ist im Grunde skandalös", sagte Roman Herzog, und fuhr fort: "Die prekäre finanzielle Situation, in der die allermeisten von Ihnen leben, kann einen nur traurig stimmen. Wahrscheinlich gibt es im gesamten kulturellen Leben kaum einen Beruf, der sich so unterbezahlt vorkommen muß. Sie wissen und akzeptieren wohl auch, daß ich Ihnen dabei nicht direkt helfen kann. Es ist aber meine Absicht, (...) die große und wichtige kulturelle Leistung der Übersetzer ins Licht der Öffentlichkeit zu setzen - und den unzureichenden Lohn, den Sie dafür bekommen. Hier stehen das Verdienst und der "Verdienst", den Sie dafür erhalten, in keinem gerechten Verhältnis zueinander.

Sehr ähnlich nimmt sich aus, was in der Einleitung zu dem am 1. Juli 2002 vom Deutschen Bundestag verabschiedeten novellierten Urhebervertragsrecht steht, wo zu lesen ist, daß die Vergütung der Übersetzer weder redlich noch angemessen sei.

Leider haben bis jetzt weder die Worte des Altbundespräsidenten Roman Herzog noch der Gesetzestext etwas dazu beitragen können, die Lage der literarischen Übersetzerinnen und Übersetzer zu verbessern. Noch immer werden wir nicht angemessen an den Gewinnen beteiligt, die Verlage mit unserer Arbeit erzielen, noch immer werden wir mit Normseitenhonoraren abgespeist, die in keinem Verhältnis zu dem Aufwand stehen, der erforderlich ist, um einen auch nur mittelschweren Unterhaltungsroman so ins Deutsche zu übersetzen, dass sich die Leserinnen und Leser zufrieden zurücklehnen und sowohl die Handlung als auch die durch die Kunst des Übersetzers vermittelte Sprachkunst der Autorin oder des Autors genießen zu können, wie es sich gehört.

Mit freundlichen Grüßen,

Christa Schuenke
[L iterarische Übersetzerin, u. a. von Autoren wie William Shakespeare, John Donne, Jonathan Swift, John Keats, Percy Bysshe Shelley, Herman Melville, , Henry James, William Butler Yeats, Isaac Bashevis Singer, Robert McLiam Wilson, Chang-rae Lee, Carolyn Haines, Helen Dunmore, Kate Fenton, Mavis Cheek, Christopher Nolan und John Banville]

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Sonette in neuen Kleidern

William Shakespeare: Die Sonette - The Sonnets, Deutsch von Klaus Reichert (Salzburg; Jung und Jung, 2005) Pp. 335, Geb. € 24,90

Reimlos, in "jambischem Schreitmaß rhythmisiert", hat Klaus Reichert Shakespeares Sonette neu übersetzt. Ein Verfahren, das vor ihm nur in einer der bislang 61 Gesamt-übersetzungen des Zyklus angewandt wurde, nämlich in Beatrice Barnstorff Frames reimlos-rhythmisierter Prosaübersetzung von 1931. Daneben stehen Sebastian R. Schneiders Blankversübertragung von 1834 sowie Johann Joachim von Eschenburgs 1787er Prosaübersetzung von 56 Sonetten.
Der Entscheidung für eine Prosaübersetzung, entnehmen wir Reicherts Vorwort, liege die Überzeugung zugrunde, der inhaltliche Reichtum von Shakespeares Dichtung sei in seiner ganzen Fülle und Vielgestaltigkeit nur dann vermittelbar, wenn sich die Überset-zung aus dem Zwang von Reim und Metrum befreie. Konsequenterweise hält sich Rei-chert außer beim 66. Sonett auch weder an die notorischen 14 Zeilen noch an die Stro-phenstruktur von drei Quartetten und abschließendem Couplet. Seine Versionen haben meist elf bis 12, selten 14 Zeilen, Dreizeiler wechseln mit Vierzeilern, doch endet jedes, außer beim 66., mit abgesetztem Couplet.
Reichert führt mehrere Argumente für diese Befreiung aus der Form an, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind vom System der Ausgangssprache her gedacht, also hin zu den scheinbaren Defiziten der Zielsprache dieser gegenüber. Eine Denkweise, die im Diskurs über das Übersetzen recht verbreitet ist.
"Wenn wir nicht ‚wüßten', daß die meisten Sonette an einen Mann gerichtet sind, könnten sie genauso einer Frau gelten. Es ist das Schwebende des Geschlechtli-chen", meint Reichert mit Blick auf die Uneindeutigkeit englischer Formeln wie my love oder my friend, "das den Gedichten ihre Rätselhaftigkeit und ihre Faszination gibt." Nur ‚wissen' wir eben - nicht allein aus der Exegese, sondern weil die Texte selbst es offenbaren - , wes Geschlechts die Adressaten der Sonette sind. Zudem exis-tiert im Englischen gar keine Alternative; Begriffe wie love und friend können nicht, sie müssen grundsätzlich beide Geschlechter meinen. Übersetzt Reichert in Sonett 40 also Take all my loves, my love; yea, take them all mit Nimm, meine Liebe, alle meine Lieben, ja nimm sie alle, so hat das, abgesehen vom verlorengegangenen Gestus des Originals, nichts Schwebendes, sondern er legt sich, der Eindeutigkeit des Deutschen unterworfen, wider besseres Wissen in einer (und zwar der falschen) Richtung fest. Das ist nicht mal in einer Versübersetzung nötig, und in der Prosaversion würde das "schwebendere" mein Lieb oder mein Liebes ebenso funktionieren.
"Es gibt bei Shakespeare keine Füllwörter", betont Reichert. Wie denn auch in einer so partikelarmen Sprache wie dem Englischen? Zudem erschwere die Einsilber-Armut des Deutschen adäquate Vers-Übersetzungen. Die wichtigen Schlüsselbegriffe des Zyklus (worth, truth, sweet, fair, use) bestünden fast durchweg aus nur einer Silbe. Nun liegt sweet mit 58 Erwähnungen im Mittelfeld, kurz vor fair (46), truth und worth (24 bzw. 20) sind fast gleichauf und use erscheint nur 13 Mal. Aber warum übergeht Reichert das eine Schlüsselwort, das mit 205 Erwähnungen nach I (352) Platz zwei einnimmt, gefolgt von (me/164, thee/161, you/111 nicht mitgerechnet) eye(s) (93), self (89), time (70), heart und will (je 64) - nämlich love? Für Übersetzer hoher Literatur, bei der auf Parallelbegriffe zu achten ist, gehören solche Frequenzlisten wesentlich zur Textanalyse.
Die Sprachen unterscheiden sich in ihrer Systematik. Geblendet von der schö-nen Effizienz des Englischen, übersieht man leicht die Vorzüge des Deutschen. Was dem Englischen die Einsilber, sind dem Deutschen die Komposita, die flexible Syntax, die melodiöse Perioden ebenso zuläßt, wie kurze, harte Verse. Wenn Reichert betont, in der Prosaform müsse, anders als in einer formtreuen Übertragung, "jedes Wort übersetzt werden", erst so erschließe sich die Tiefe dieser Dichtung ganz, fragt sich, wie viele Wörter, die nicht bei Shakespeare stehen, hier mit "übersetzt" werden. Geht da nicht manches nolens volens eher in die Breite? Wo ist die Grenze zwischen Klarheit und Geschwätzigkeit?
An Einsilbern ist das Englische dem Deutschen tatsächlich überlegen. Welcher Übersetzer möchte nicht mit S. de Madariaga ausrufen: "They are marvellous, those English monosyllables. … Is not the word sweet a kiss in itself …?" Drei der fünf von Reichert genannten Wörter haben einsilbige deutsche Entsprechungen. Summer's lease muß nicht zwingend mit die dem Sommer eingeräumte Zeit übersetzt werden, auch Sommers Frist oder Pacht wären denkbar. So provozieren bei Reichert immer wieder gewisse Wendungen die Frage, ob die gewählte Prosaform nicht, anstatt die Texte tie-fer auszuloten, eher übertriebener Eloquenz Raum gibt, mithin also das Gegenteil des-sen wäre, was Dichtung ist und sein will, nämlich diejenige Kunst, in deren Mittelpunkt das Wort steht, nicht die Syntax und erst recht nicht die Erklärung, denn ein Gedicht, das man in Prosa "nacherzählen" kann, hätte nicht geschrieben werden müssen.
Prekär erscheint der Reimverzicht, verbindet doch der Reim - und sei es durch Konfrontation - nicht nur disparate Bilder und Gedanken, sondern ist für das Sonett geradezu gattungsstiftend. Ungereimte Sonette sind eigentlich keine. Reichert meint und wertet es als Einschränkung, wer die Sonette mit Reim und Metrum übersetze, müsse seine Versionen von den Reimen aus konzipieren oder um sie herum konstruie-ren. Bei einigen Sonetten trifft das zu, andere erschließen sich jedoch nach und nach von einem Grundvers her, häufig vom Couplet, so daß sich im Deutschen fast von selbst unangestrengte, geradezu beiläufige Reime einfinden.
Was versteht Reichert, dem metrischen Korsett entstiegen, aber unter "jambi-schem Schreitmaß"? Warum insistiert er, trotz bewußter Emanzipation vom vorgefun-denen Metrum, sein Schreitmaß sei ein jambisches? Kann denn ein Schreitmaß anders sein als jambisch? Dem Vorwort sind genauere Erläuterungen dazu nicht zu entnehmen, also halten wir uns an die Texte. Beispielsweise an das 65. Sonett:

Da Erz nicht, Stein, nicht Erde, grenzenloses Meer, nein, Sterb-
lichkeit selbst ihre Macht besiegt, wie kann dann gegen diese Wut
die Schönheit prozessieren, als Klägerin nicht stärker als ein
Blümchen.

Schon am Beginn von Zeile 2 strauchelt der jambisch eingestimmte Leser, der freilich vorgewarnt wurde, daß dieses Schreitmaß "immer dann unterlaufen wird - aussetzt - , wenn ein Wort besonders markiert werden soll." Welches wäre hier das besonders markierte Wort?
Man könne, so Reichert im Vorwort, bei Shakespeare "nicht sagen, der Gedanke sei zu Ende, der Vers aber noch nicht". Tatsächlich sind Enjambements in Shakespeares Sonetten - im elisabethanischen Sonett generell - eher rar. Während der erste englische Sonneteer, Thomas Wyatt (1503-1542), noch dem petrarkischen Schema treu blieb, paßte bereits Henry Howard Earl of Surrey (1517-1547), der "Erfinder" der schließlich auch von Shakespeare benutzten Sonettform, das aus Italien importierte Schema strukturell und inhaltlich den Eigentümlichkeiten des Englischen an. Surreys Sonette vermitteln nachgerade den Eindruck, als wären Enjambements ein Regelverstoß.
Man dürfe von seinen "Umdichtungen", deren Deutsch "so kompliziert wie das Englische, manchmal, notgedrungen, noch komplizierter" sei, sagt Reichert, "also nicht erwarten, diese deutschen Sonette herunterlesen und einigermaßen leicht verstehen zu können wie die meisten bestehenden Übersetzungen." Vielmehr wolle bei seiner Me-thode "jedes Wort ... auf seine Funktion in der Entfaltung des poetischen Gedankens hin berücksichtigt werden". Er habe, Shakespeare folgend, nachgehorcht, welche Fort-führungen die deutschen Wörter erlaubten, habe also "nicht ‚nur' übersetzt, sondern am deutschen Material gearbeitet." Es fällt schwer zu erkennen, was daran ungewöhnlich sein soll, denn was Reichert da beschreibt, ist nur das alltägliche Handwerk des literari-schen Übersetzens.
Schwerer noch fällt es, Reicherts These zu folgen, als Übersetzer könne man Shakespeares Sonetten erst dann wirklich gerecht werden, wenn man von der Shakes-peareschen Form absehe. Ist doch die Form bei jedem Kunstwerk stets die Form des Inhalts, und gießt man diesen, den poetischen Gedanken, in eine andere Form, so bleibt er nicht der, der er war, sondern verändert sich zwangsläufig mit der neuen Form. Dann kann es leicht geschehen, daß jemand ruft: "Der Kaiser ist ja nackt."
Christa Schuenke, Berlin

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Leserbrief
Zu: "Sonette in neuen Kleidern" von Christa Schuenke, in Übersetzen 2/06

In der letzten Ausgabe von Übersetzen findet sich ein "Rezension" überschriebener Artikel von Christa Schuenke über Klaus Reicherts Übersetzung der Sonette von Wil-liam Shakespeare, der nicht unwidersprochen bleiben darf.
Dieser Artikel möchte mit aller Deutlichkeit zeigen, wie wenig Christa Schuenke von Klaus Reicherts Arbeit hält - was er allerdings ebenso absichtsvoll verschweigt, ist die gewiß nicht jedermann bekannte Tatsache, daß die Autorin dieser "Rezension" vor einigen Jahren selber eine Übersetzung der gleichen Sonette publiziert hat. Daß sie die eigene Übersetzung besser als die Reichertsche findet, liegt einigermaßen nahe und ist deshalb nicht allzu interessant: daß sie die Arbeit eines Kollegen verreißt, ohne zu sagen, daß hier eine Konkurrentin schreibt, ist äußerst schlechter Stil, der aus sehr guten Gründen in der öffentlichen Presse für Empörung sorgen würde. Da hilft es auch nichts, den eigenen Widerwillen in Ausführungen über übersetzerische Probleme zu kleiden, die objektiv klingen sollen, es aber nicht sein können und deshalb den Inhalt des Nachworts von Reichert auch grob verfälschen: Reichert erklärt dort seine Prosa-übersetzung der Gedichte keinesfalls zur alleinmöglichen Übersetzungsweise, wie die Rezensentin [hier hat Frau Edl die Anführungszeichen vergessen - CS] es unterstellt, um dann besser gegen die nie aufgestellte Behauptung polemisieren zu können; er er-klärt vielmehr, warum nach einer Unzahl von Versübersetzungen eine Prosaübersetzung ganz andere Qualitäten der Gedichte sichtbar machen kann. Darüber wäre zu streiten gewesen, auch kontrovers. Hätte Christa Schuenke offen ihre eigene Position bekannt, nämlich als Übersetzerin, die das gleiche Buch nach anderen Prämissen übersetzt hat, dann hätte daraus vielleicht eine Diskussion zwischen Kollegen über Überset-zungsprinzipien werden können. So aber ist es das Dokument von Eitelkeiten, für die Übersetzen nicht den Ort bilden darf. Solidarität unter Kollegen ist ein großes Wort - zuweilen reicht ein wenig Anstand.
Elisabeth Edl

 
     
   
 

Lauschen, denken, dienen

Von Christa Schuenke

Als ich vor 32 Jahren anfing zu übersetzen, warnte mich ein befreundeter Autor: Ein Schriftsteller entwickelt seinen persönlichen Stil und muss dann nur noch Geschichten erfinden. Der Stoff suche sich seine Form ganz von alleine. Für den Übersetzer entfällt zwar das Erfinden einer Handlung, aber dafür muss er sich wie ein Chamäleon immer dem Stil des jeweiligen Originals anpassen können, muss, je nach Bedarf, schreiben können wie Thomas Mann, Dostojewski, Faulkner oder Kenzaburo Oe.

Schreiben muss der Übersetzer können, genau wie der Schriftsteller, nur hat er es bloss mittelbar mit den bedeutungsstiftenden Elementen des Ausgangstexts zu tun, bloss insoweit, als er das Original zunächst einmal verstehen muss, damit er es den Lesern verständlich machen kann. Seine eigentliche Domäne aber ist die vom Autor gewählte Art und Weise der Darstellung. Insofern zählt das Übersetzen zu den darstellenden Künsten, obschon, im Unterschied zum Schauspieler, das Material beim Übersetzer allein die Sprache ist und nicht der ganze Körper.

Wo gehen Übersetzer in die Lehre? Sie lesen Bücher, und zwar vor allem Bücher in der eigenen Muttersprache, die in der Regel auch die Sprache ist, in die sie übersetzen. Das Spektrum reicht bei mir von A wie Améry bis Z wie Zuckmayer, wobei, rein handwerklich betrachtet, ich persönlich, speziell für meine Neuübersetzungen klassischer Autoren, Adalbert Stifter wohl am meisten zu verdanken habe.

Dass literarisches Übersetzen an der Universität gelehrt wird, ist ein recht junges Phänomen, dessen Nutzen sich wohl erst noch erweisen muss. Denn eigentlich ist Übersetzen kein Beruf, sondern eine Lebensweise. Man tut es 24 Stunden am Tag. Man zermartert sich auch abseits des eigenen Schreibtischs, bei den banalsten Verrichtungen, das Hirn nach dem treffenden Wort, dem rechten Ton, schiebt im Kopf Satzteile hin und her und muss bisweilen, wenn man die ideale Lösung für eine vertrackte Stelle geträumt zu haben glaubt, ernüchtert feststellen, dass der geträumte scheinbare Geniestreich schon längst so im Computer steht. Man ist immer «im Dienst», auch wenn man mit dem Bus fährt, über den Markt bummelt, wo Kunden in den verschiedensten deutschen Mundarten mit türkischen, ecuadorianischen oder iranischen Händlern palavern und ein Urberliner Original die Leute mit flotten Sprüchen unterhält. Bei jeder nicht ganz normgerechten Verbstellung, jeder unbewusst jambischen Tirade blinken im Übersetzerhirn die Lämpchen, alles wird abgespeichert und kann bei Bedarf wieder abgerufen werden.

Was Luther «dem Volk aufs Maul schauen» nannte, ist ein ganz wesentlicher Teil des Übersetzerhandwerks. Und so entbehrt es nicht einer gewissen Logik, dass zumal in Europa, wo besonders viel übersetzt wird, die meisten Literaturübersetzer zwar über einen akademischen Grad verfügen, nicht aber über einen Universitätsabschluss im Übersetzen. Talent und ein empfindliches Gehör sind Grundvoraussetzungen für den Beruf. Gleichwohl können wichtige Aspekte des literarischen Übersetzens auch in einem Studiengang vermittelt werden, wie dies seit 21 Jahren an der Universität Düsseldorf und seit kürzerem auch an anderen Universitäten geschieht, wobei speziell in Lausanne neue, vielversprechende Wege beschritten werden.

Am Ende aber hat wohl der französische Schriftsteller und Übersetzer Georges Arthur Goldschmidt recht, wenn er sagt, dass Übersetzen und Schreiben einander sehr verwandte Tätigkeiten sind. Nur habe es der Schriftsteller mit der Angst vor dem leeren Blatt zu tun, der Übersetzer hingegen mit der Angst vor dem vollen Blatt. Und doch: Übersetzen ist a priori eine nachschaffende Tätigkeit, das Wort indes gehört dem Dichter, und ihm zu dienen, ist das Amt des Übersetzers.

Die Übersetzerin Christa Schuenke gehört zu den renommiertesten Vertreterinnen ihres Fachs. Ihr Spektrum reicht von John Donne, John Keats und William Shakespeare über Herman Melville und Edgar Allan Poe bis zu amerikanischen Avantgarde-Autoren wie David Foster Wallace und Mark Z. Danielewski. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet.
 
   
       
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